Eine steile These - aber wissenschaftlich unterfüttert: Das Gehirn läuft in der Pubertät auf Volltouren - allerdings üblicherweise nicht in der Schule. Das wird gesellschaftlich immer entschuldigt - man hat es ja selbst erlebt. Dieses Nullbock-Gefühl. Wie wäre es denn, wenn man die Schule so umwandeln würde, dass dieses Nullbock-Gefühl gar nicht aufkommt - wie in der Steinzeit, in der mensch "übernehmen" musste, weil die Eltern gebrechlich wurden. Also "jungmensch" selbst ernst genommen wurde.
Die Idee ist somit uralt: Ernst nehmen und loslegen. Fordern und Raum geben. Herausfordern und selbst in die Hand nehmen lassen. Aber da Schule sich leider nur im Schneckentempo ändert, könnte man auch eigenständig als Jugendliche:r - möglichst zusammen mit seiner Peer-Group - das Heft in die Hand nehmen. Den Schalter suchen und finden, der von Nullbock auf Vollbock schaltet.
Als aktiver Lehrer habe ich das früher immer wieder erleben dürfen ... es kann also passieren und dann ist es der Turbostart. SkillSuit ist vielleicht für manche dafür eine Startrampe. Ausprobieren tut nicht weh.
Erscheinungsdatum vom Effectarium verschoben
Ja diese SkillSuit-Idee ist jetzt ganz agil in den Ferien reingegrätscht ... außerdem gehört sie am Ende auch in das Büchlein ... denn mit SkillSuit-Songs kann man ja auch als Lehrperson arbeiten. Ich habe früher immer parallel zu meinem Mathe- und Physikunterricht eine Dauermotivationsschleife laufen lassen. Was ich in meinen Liedern thematisiere, das habe ich früher regelmäßig an der Tafel thematisiert. Deshalb: Liebe Lehrer:innen, die hier mitlesen: Probiert es mal aus. Gönnt euch eine kleine Auszeit mitten im stressigen Unterricht, haut einen SkillSuit-Song raus und diskutiert danach über die Fähigkeiten vom Gehirn und über die Möglichkeit, auch mitten in der Pubertät den Schalter umzulegen. :-)
Vorwort zum Effectarium - zum Trost
Vorwort von ...
Associate Professor Dr. Sebastian Kaempf School of Political Science & International Studies - The University of Queensland Australia ... und einer, der die Geschichten dieses Büchleins aus früherer Schülersicht kennt - und der einen digitalen Eierkarton mit den 10 Löchern für seine Studenten einsetzt.
Soul food teaching
Wir alle kennen.vermutlich diesen Moment. Man trifft sich bei Freunden zum Abendessen, sitzt um einen einladenden Tisch herum, umgeben von einer Gruppe unerschiedlicher Menschen. Das Essen duftet nicht nur himmlisch, es sieht auch bunt und irgendwie toll aus, und der Geschmack der gereichten Gerichte katapultiert einen in neue, vielleicht bisher unbekannte kulinarische Sphären. Die Stimmung am Tisch steigt, man könnte sich vor Glück über das Essen eigentlich direkt in den Teller legen. Es wird angeregt diskutiert, gelacht, sinniert, genossen, und man macht sich, nachdem sich der Abend vom Essenstisch in die Küche verlagert hatte, glücklich auf den Heimweg.
Soul food halt. Seelennahrung.
Unterrichten hat ganz viel mit soul food zu tun. Ich bin sogar der Meinung, dass guter, zeitgemäßer Unterricht soul food ist oder sein sollte. Menschen kommen zusammen, sie kommen gerne (oder manchmal auch weniger gerne) und essen gemeinsam. Wenn die Zutaten stimmen, dann ist viel getan, damit das Angerichtete zu großer Zufriedenheit unter Köchen wie auch den geladenen Essensliebhabern führen kann.
Wenn ihr jetzt dieses neue Buch von Heinz aufschlagt, dann habt ihr schon mal einen ersten großen Schritt gewagt in Richtung Seelennahrung. Ich vermute mal, ihr seid eher junge Lehrer, vielleicht noch im Studium oder im Referendariat, oder vielleicht schon alte erfahrene Lehrhasen, aber immer noch innerlich brennend. Jedenfalls habt ihr Frische, Energie, Freude oder Vorfreude auf euren Job als LehrerIn. Wunderbar, denn so soll es ja auch sein. Aber wie schafft ihr es, das jetzt so umzusetzen, dass euer Klassenzimmer zum soul food Domizil wird? Dass eure SchülerInnen zu echten ‘Foodies’ werden? Und vor allem, wie schafft ihr es, dass ihr dies auch über Jahre, sogar Jahrzehnte hinweg auch so aufrechterhalten könnt?
Mit dem Hinweis auf Burnout, veraltete, unzeitgemäße Schulstrukturen, Lehrpläne, und Kollegen erzähle ich euch nichts Neues. Darauf habt ihr (leider) nicht viel Einfluss. Aber worauf ihr Einfluss habt und immer haben werdet ist eure innere Haltung und Einstellung. Um es auf den Punkt zu bringen: Ob ihr und eure SchülerInnen auch noch in 30 Jahren mit großer Zufriendheit vom Essenstisch aufsteht und beschwingt, vielleicht auch ein wenig nachsinnierend, nach Hause radelt, liegt nicht vollständig, aber in großer Weise, in eurer eigenen Hand. Und damit du deinen Job (und deine SchülerInnen den ihrigen) auch langfristig als soul food gestalten und empfinden darfst, braucht es die richtigen Zutaten. Und genau um diese Zutaten geht es hier. Quasi ein Rezept zur Anleitung zum Unterrichten als Seelennahrung.
Soul Food teaching.
Und um es vorwegzunehmen, die Zutaten, die hier folgen, haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Und du musst auch nicht alle zu jederzeit verwenden, um Lernen, also soul food, zu kreieren. Vielmehr sollen sie dich anregen und dir Mut machen, sie auszuprobieren, zu ergänzen, und auch gerne zu verwerfen, wenn sie für sich nicht passen. Es geht also vielmehr darum, die Brühe für dein soul food richtig hinzubekommen, denn sie ist eigentliche Grundlage für ein gelungenes Gericht.
Transformative Momente
Ihr kennt diese Glücksgefühle, diese transformativen Momente im Unterricht, wenn du merkst, dass es bei den SchülerInnen ‘Klick’ macht. Wenn der Groschen fällt. Das sind Momente, in denen der Funken überspringt, und die das Klassenzimmer zu richtigem Leben erwecken können. Ich gebe mal ein Beispiel – und ja, ich mach das an der Uni, aber es passt dennoch, um das zu verdeutlichen.
In einem meiner Kurse geht es um globale Überwachung, the NSA, Edward Snowden, und das Sammeln von Daten. Und während meine Studenten hierzu akademische Texte lesen, müssen sie parallel dazu folgende praktische Übung machen: Jede/r muss innerhalb von vier Tagen mit dem Smartphone Bilder von mindestens acht verschiedenen Überwachungskameras machen, denen sie in ihrem Alltag begegnen und mir diese Bilder zumailen. Anschliessend füllen sie online eine selbstreflektierende Umfrage dazu aus, worin sie befragt werden, was sie währendessen empfunden haben, was sie gedacht haben, als sie diese praktische Aufgabe gemacht haben. Die Antwort bei den meisten ist, dass sie es als sehr unangenehm empfunden haben, als sie diese Photos gemacht haben. Dass sie das Gefühl hatten, etwas Illegales zu tun, dass sie von vorbeilaufenden Passanten angesprochen wurden, was sie denn da tun würden. Wenn wir uns dann anschliessend im Seminar treffen, greife ich genau diese Empfindungen meiner Studis auf, und ich frage sie dann: Warum habt ihr euch bei dieser praktischen Übung unwohl gefühlt? Was sagt das aus über uns, unsere demokratische Gesellschaft, über die Machtstrukturen von visuellem Blick und über legitimer Sichtweisen? Es schärft ihre Betrachtungsweise auf unseren überwachten Alltag und erlaubt es uns als Kurs, diese Betrachtungsweisen in die Analyse der akademischen Texte einzubauen.
Das ist nur ein Beispiel, aber es beschreibt eben genau so einen Moment, bei dem es bei den Studis ‘klick’ macht. Und der Grund liegt darin, dass das kognitive, was sie lesen und im Gehirn verarbeiten, eben auch körperlich und emotional durch etwas Praktisches erfahren wird. Es verknüpft etwas Abstraktes mit ihrem eigenen Leben, holt sie in ihrer persönlichen Lebenssituation ab und ermöglicht ihnen dadurch einen passenderen Zugang zu und Interesse an einer Materie als es alleine durch Nachdenken und Diskutieren nicht möglich gewesen wäre.
Wie gesagt, das ist nur ein Beispiel. Der Punkt, den ich machen möchte, ist folgender: Körperliche Erfahrungen und Gefühle haben ernomes Potenzial, die es lohnt, ins Lehren und Lernen zu integrieren. Holt die SchülerInnen mit einfachen, kleinen Aufgaben und Experimenten in ihrem gelebten Alltag ab, und verbindet das mit dem, was sie im Gehirn verarbeiten. Und wenn ihr jetzt denkt, ok, das passt vielleicht in einem Unikurs zu Globalen Medien und Internationaler Politik, und vielleicht weniger in Physik, Französisch oder Religion, dann will ich euch einfach mal ermutigen, zu schauen, was bei einigen eurer Themen und Fächern tatsächlich möglich ist. Denn es lohnt sich im Sinne des soul foods teaching.
Expertimentieren
Soul food teaching erreicht man, in dem man Unterrichten als ständiges Expertimentierfeld versteht. Jeder kann normalen, standardisierten Unterricht machen und erleben. Letzteres ist auch nicht so einfach wie es klingt, aber mit der Zeit wird es langweilig und zur Routine. Wenn ihr also auch noch kurz vor der Rente Spaß haben wollt an eurem Job, dann geht diesen Job als dauerhaftes Experimentierfeld an. Probiert Dinge aus, egal wie verrückt sie euch auch vorkommen. Viele von denen werden nicht funktionieren, oder zumindest nicht so, wie ihr euch das beim ersten Mal erhofft hattet. Und das ist ok. Ihr könnt dann daran feilen, es das nächste Mal besser oder ganz anders machen. Und nur Mut zum Risiko. Mut zum Fehler machen! Mein Geheimrezept hier: Ich sag das meinen Studis im Voraus. Ich sag denen gleich am Anfang meines Kurses oder vor einer bestimmten Übung, dass ich bewusst etwas ausprobieren möchte, und dass ich mir natürlich was dabei gedacht habe, aber dass wir erst wissen werden, ob das auch den gewünschten Effekt hatte, wenn wir es gemacht haben. Und dass ich genau dazu offenes Feedback von ihnen haben möchte.
Meine Erfahrung ist – durchgehend – dass meine Studis das mögen und gerne annehmen. Dass es sie begeistert, das Lernen durch neue, große oder kleine Experimente anzugehen. Somit wird also schon mal Interesse, vielleicht sogar Begeisterung, geweckt. Aber, und das ist ein großes Aber, es bedarf Mut. Mut zum Ausprobieren und auch Mut zum Fehler machen. Und genau diesen Mut solltet ihr von euch einfordern. Traut euch. Wartet nicht, bis ihr schon erfahrene LehrerInnen seid, sondern macht euch das zum Motto von Anfang an. Es kann unglaublich befreiend sein, sich das zum Motto zu machen – und es hilt euch, auch noch Jahrzehnte später, Erfüllung – soul food – zu finden in euren Job.
Feedback
Wenn ihr den vorherigen Punkt schon als potenziell abschreckend empfunden habt, dann wird dieser hier es nochmal steigern. Hier geht's ums Thema Feedback. Und ich muss gestehen, dass ich Feedback die ersten zehn Jahre als Dozent vollkommen falsch verstanden habe. Für mich bestand Feedback darin, meinen Studis schriftlich zu erklären, was sie in ihrer Hausarbeit gut oder weniger gut gemacht haben. Und darin, dass sie am Ende des Semesters mir dann anonym ihr Feedback zum meinen Kursen und meinem Unterrichtsstil mitteilen konnten oder dies bewerten konnten.
So dachte ich bis vor knapp 10 Jahren. Bis ich mit Heinz, dem Autoren dieses Buches (und gleichzeitig mein ehemaliger Lehrer und Vertrauenslehrer), einen unserer Spaziergänge gemacht habe und er mir erzählte, wie angesteckt er von John Hattie’s Studien ist. John Hattie gilt so als der Großmeister des Lernens. Er hat die weltweit größte Metastudie gemacht zum Thema: Welche Faktoren sind die wichtigsten, damit Schüler besser lernen. Basierend auf über 40 Millionen+ Befragten. Und die Ergebnisse sind verblüffend, ihr solltet das mal googeln. Jedenfalls hat der gute John Hattie Spannendes zum Thema Feedback herausgefunden. Erstens, dass schriftliches Feedback zu einer Arbeit oder einem Aufsatz den Lernenden nur dann hilft, wenn man klar beschreibt, was die Lernenden beim nächsten Aufsatz verbessen sollten, worauf sie ihr Augenmerk in der Zukunft richten sollten. Beschränkt man sein Feedback nur auf die Auswertung der benoteten Arbeit, wird das von den Lernenden überhaupt nicht also Feedback empfunden. Ein unglaublich wichtiger Punkt. Außerdem, sagt er, muss man den Aufsatz nicht als etwas sehen, was die LehrerIn bewertet und dann der SchülerIn als Feedback gibt, sondern dass der Aufsatz selber ein Feedback von der SchülerIn an die LehrerIn ist, an die Qualität ihrer Arbeit.
Zweitens, so Hattie, bringt Feedback am Ende eines Kurses überhaupt nicht viel. Vielmehr ist es beste Praxis, sich nach jeder Session (oder Woche) das Feedback der SchülerInnen einzuholen. Und das Ergebnis mit den Schülern noch vor Ort zu diskutieren. Und der Heinz erzählte mir, wie es das in seinem Unterricht eingeführt hat und wie sehr er davon angetan war.
Ok, zurück in Brisbane, Australien, und nach ein bisschen Lesen zu Hattie’s Inhalten, hab ich das dann in meinen Kursen eingeführt und mache es seitdem. So bitte ich also meine Studis am Ende jeder Vorlesung und jeden Seminars, online und anonym – in Echtzeit – die Session zu bewerten: War das Tempo ok, haben sie den Stoff verstanden, wurde diese Stoff ihnen gut vermittelt, was blieb unklar, was kann verbessert werden? Ich gebe ihnen 3-5 Minuten dazu, und dann projiziere ich ihr Feedback an die Wand, vor allen, das komplette Ergebnis. Und dann nehmen wir uns 5 Minuten Zeit und sprechen darüber. Anfangs, muss ich gestehen, war ich total nervös, mich so vor meinen Studenten bloßzustellen. Bin ich immer noch. Aber ich habe gemerkt, wie nützlich das ist. Zum einen kann ich direkt darauf reagieren, wenn Dinge unklar waren oder nicht verstanden wurden. Gleichzeitig kann ich auch erfahren, was gut und weniger gut war – was es mir wiederum erlaubt, dies unmittelbar beim nächsten Seminar oder in der nächsten Vorlesung umzusetzen. Ich weiß also viel besser, was meine Studis brauchen und kann flexibel darauf reagieren. Und zu guter Letzt, das sagen mir meine StudentInnen immer wieder, schätzen sie es, dass ich sie ernst nehme, ihnen auf Augenhöhe begegne und ich an dem Erfolg ihres Lernens interessiert bin.
Ich weiß, dass gerade wenn man neu in den Joh einsteigt, einem das krass vorkommen muss. Aber probierts mal aus. Es ist beängstigend, klar, aber am Ende unendlich befreiend, für alle Beteiligen. Soul food Zutat eben!
Wie eingangs erwähnt, sind das nur ein paar Zutaten, ohne Vollständigkeitsgarantie. Sie dienen dazu, euch zu inspirieren und zu ermutigen. Eure Sinne zu schärfen und euer Interesse zu wecken. Denn diese Zutaten, und all diejenigen, um die es in Heinz’ Buch hier geht, sind bestens dazu geeignet, dass ihr euch selbst in die Lage versetzen könnt, soul food anzurichten. Also, taucht ein und saugt es auf, lasst es auf euch wirken und habt den Mut, es einfach mal zu machen.
Viel Spaß damit und mit dem nun beginnenden Buch!
Sebastian Kaempf
Associate Professor in Peace and Conflict Studies
The University of Queensland, Australien
July 2025
Übrigens: Seb macht zusammen mit Al, einem Freund und Kollegen, hochspannende Podcastbeiträge über den ganz normalen Unterricht
Allerdings sollte man des Englischen mächtig sein, um entspannt zuhören zu können. Otto Kraz
In ‘HigherEd Heroes’, we talk to some of the best teachers about ‘what works’ in their university classrooms in a down-to-earth, jargon-free, and non-technical manner. Our objective is to communicate practical advice from the bottom-up to a broad range of teachers about new ideas they may want to integrate into their classrooms and to stimulate open conversations about their everyday practice. Each episode explores what excites students to learn, what keeps them coming back for lectures, and what makes teaching fun for both teachers and students. We hope that you engage in these conversations and (like us) find something in them which inspires you to make small changes that may reward you and your students in big ways.‘ Higher Ed Heroes’ is convened by The University of Queensland‘s Dr Seb Kaempf and Dr Al Stark and produced by Anthony Frangi. If you want to listen to the podcast, get more information, or get in touch, please visit: https://itali.uq.edu.au/about/projects/highered-heroes-podcast.
